Die sicherste Wahl ist keine Wahl

Warum immer dieselben Gesichter auf der Bühne stehen – und was das mit Ihrem Publikum macht.

Es gibt Moderatorinnen und Moderatoren, die jeder kennt. Nicht, weil sie zwingend die Besten sind – sondern weil sie schlicht omnipräsent sind. Auf der Branchenkonferenz im Frühjahr, beim Kundenevent im Sommer, bei der Preisverleihung im Herbst – dieselbe souveräne Routine, dasselbe verlässliche Niveau. Kurz: die „sichere Wahl“.

Wer als Eventverantwortlicher zum dritten Mal denselben Namen bucht, tut das mit gutem Gewissen. Es hat ja funktioniert. Die Person ist professionell, kennt die Bühne, fällt nicht aus. Das fühlt sich nach Erfahrung an, nach Urteilskraft, nach der Entscheidung eines Profis. Genau hier beginnt das Problem. Denn was sich wie ein Qualitätsurteil anfühlt, ist meistens etwas anderes: der Pfad des geringsten Widerstands – kognitiv und karrierisch. Und der Mechanismus, der die Buchung sicher erscheinen lässt, untergräbt langsam genau das, wofür ein Event eigentlich da ist.

Erzählen Sie uns von Ihrer Veranstaltung und Ihren Anforderungen und wir schicken Ihnen eine Auswahl an geeigneten Moderator:innen.

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Vertrautheit vs. Qualität

Warum sich die sichere Wahl wie Urteilskraft anfühlt

Die Verwechslung ist kein Charakterfehler. Sie ist im Gehirn angelegt.

Der Sozialpsychologe Robert Zajonc beschrieb 1968 den Mere-Exposure-Effekt: Allein die wiederholte Begegnung mit einem Reiz – einem Wort, einem Gesicht, einer Stimme – erhöht die Sympathie für ihn, ganz ohne neue Information. Der Grund dafür ist die sogenannte kognitive Leichtigkeit (Cognitive Fluency): Was das Gehirn bereits kennt, verarbeitet es mit minimalem Energieaufwand. Und diese Leichtigkeit deutet es falsch: Sie fühlt sich nicht an wie „das kenne ich", sondern wie „das ist gut", „das ist sicher", „das passt". Ein bekanntes Gesicht wirkt deshalb kompetenter, vertrauenswürdiger und passender – unabhängig davon, ob es das im konkreten Fall tatsächlich ist.

Drei weitere Mechanismen verstärken den Reflex. Der Status-quo-Effekt macht das Wiederbuchen zur Standardoption – jede Abweichung erscheint als Risiko. Die Verfügbarkeitsheuristik sorgt dafür, dass die Namen, die einem am schnellsten einfallen – weil sie in den Feeds und im eigenen Netzwerk präsent sind – als die naheliegend besten erscheinen. Und soziale Bewährtheit schließt den Kreis: Wenn alle anderen denselben Namen buchen, wirkt das wie ein Qualitätssiegel – obwohl es nur die kollektive Wiederholung desselben Reflexes ist. Vier unbewusste Mechanismen, ein folgenreiches Ergebnis: Die vertraute Wahl fühlt sich absolut logisch und begründet an. Objektiv betrachtet ist sie es jedoch selten.

Der eigentliche Preis

Was beim Publikum passiert

Und genau hier zahlen Sie den eigentlichen Preis: Was für Eventmanager:innen angenehme Vertrautheit bedeutet, ist für das Publikum oft nur noch ermüdende Wiederholung.

Die Forschung zeigt, dass die Wirkung von Vertrautheit nicht linear steigt, sondern einer umgekehrten U-Kurve folgt. Der Psychologe Daniel Berlyne beschrieb das Zusammenspiel zweier gegenläufiger Kräfte: Anfangs überwiegt die positive Gewöhnung – der Reiz wird leichter, angenehmer, sympathischer. Doch mit jeder weiteren Wiederholung wächst der zweite Faktor: Überdruss. Irgendwann ist der Scheitelpunkt überschritten, und die Verarbeitungsleichtigkeit kippt in Monotonie. Aus „angenehm vertraut" wird „schon wieder". Wo dieser Punkt liegt, hängt von der Tiefe ab: Ein einfacher, vorhersehbarer Stil erreicht ihn schnell, eine komplexe, dialogstarke Moderation hält länger. Aber erreicht wird er immer.

Das Tückische: Das Publikum sagt es nicht. In standardisierten Feedback-Bögen taucht der Überdruss kaum auf – soziale Höflichkeit verhindert das offene „den schon wieder". Stattdessen sinkt etwas Diffuseres: die Aufmerksamkeit, die Erwartung, die affektive Bewertung des ganzen Abends. Das Publikum schaltet innerlich auf Autopilot, weil es antizipiert, dass nichts Neues kommt. Und diese stille Abwertung überträgt sich – nicht nur auf den Moderator, sondern auf die Veranstaltung und am Ende auf die Marke dahinter. Es bleibt der Eindruck einer perfekt inszenierten, aber substanzlosen Routine.

Wie sich Moderation und Keynote in ihrer Wirkung unterscheiden, vertieft der Insight Moderator oder Speaker? →

Event-Erfolg vs. Absicherung

Der eigentliche Treiber ist nicht Qualität – es ist Risiko

Wenn die sichere Wahl dem Event schadet – warum trifft sie dann jeder? Weil die Interessen der Eventmanager:innen und die des Events unbewusst auseinanderdriften.

Der Verhaltensforscher Gerd Gigerenzer nennt das defensive Entscheidung: Eine Person hält Option A für die beste, wählt aber die unterlegene Option B – weil B sie persönlich absichert, falls etwas schiefgeht. In einer Studie mit 950 Führungskräften der öffentlichen Verwaltung war im Schnitt jede vierte der zehn wichtigsten Entscheidungen defensiv; vier von fünf trafen mindestens eine solche.
Auf die Bühne übertragen: Bucht der Verantwortliche das bekannte Gesicht und der Abend bleibt mittelmäßig, trägt niemand Schuld – „war doch ein Profi". Bucht er eine unbekanntere, vielleicht passendere Stimme und es geht schief, steht er allein in der Verantwortung. Diese Asymmetrie macht die sichere Wahl für den Einzelnen rational und für das Event suboptimal.

Das ist kein Vorwurf, sondern eine Strukturbeschreibung. Und sie erklärt, warum gerade die Erfahrensten den Reflex am schwersten erkennen: Sie erleben ihre Entscheidung von innen als fundiert, während sie von außen vor allem risikoarm ist. Über die eigene kognitive Verzerrung kann man sich nicht einfach hinwegreflektieren. Hier hilft am Ende nur ein verändertes Verfahren – nicht mehr Nachdenken.

Bekanntheit vs. Passung

Wie die Absicherung den Markt verarmt

Um die eigene Entscheidung abzusichern, neigen Einkäufer dazu, das Anforderungsprofil aufzublähen: jahrzehntelange Bühnenerfahrung, prominente TV-Referenzen, eine Mindestzahl an Followern. Diese Kriterien klingen nach Qualität. Tatsächlich erfüllen sie vor allem eine Funktion: Sollte das Event scheitern, lässt sich auf den makellosen Lebenslauf verweisen. Der Effekt ist paradox: Solch künstlich aufgeblähte Kriterien filtern nicht die Besten heraus, sondern die eigentlich Passenden. Sie selektieren nach Bekanntheit statt nach Eignung – und schließen genau die unverbrauchten, inhaltlich starken Stimmen aus, die Ihrer Veranstaltung echte Frische geben würden. Der Pool schrumpft auf die immer gleichen Routiniers zusammen. Man bekommt, wonach man gefiltert hat: das Vertraute.

Am deutlichsten zeigt sich das beim Thema Vielfalt. Wer das Anforderungsprofil mit immer mehr Sicherheitskriterien überlädt, rekrutiert fast zwangsläufig aus dem eigenen, vertrauten Umfeld – und schließt damit unbeabsichtigt aus, was außerhalb davon liegt. Untersuchungen zur Personalauswahl zeigen einen verwandten Mechanismus: Je vager und überfrachteter eine Ausschreibung, desto stärker schrecken qualifizierte Kandidatinnen vor der Bewerbung zurück; präzise, ehrliche Kriterien kehren das um. Übertragen auf die Bühne heißt das: Jede künstliche Zusatzhürde verengt den Pool – und am Ende stehen, fast wie von selbst, die immer gleichen, einander ähnlichen Gesichter auf dem Panel, das niemand explizit so besetzen wollte. Die sichere Wahl ist nicht nur für das einzelne Event ein Verlust. Sie verarmt systematisch den ganzen Markt, aus dem man wählt.

Datenbank vs. Kuration

Die Alternative ist kein Mut, sondern ein Verfahren

Der Ausweg ist kein Appell an mehr Mut. Gegen einen kognitiven Reflex hilft kein bloßer Vorsatz – es hilft nur ein systematisches Verfahren.

Der entscheidende Unterschied liegt in der Reihenfolge. Der Netzwerk-Reflex beginnt beim Namen: Wen kenne ich, wer war schon mal gut, wer fällt mir ein? Kuration beginnt beim Zweck: Was soll dieser Abend leisten, welche Dramaturgie braucht er, welche Tonalität, welche Tiefe – und dann, im letzten Schritt, wer dazu passt. Kriterien vor Namen, Passung vor Bekanntheit. Das klingt selbstverständlich, kehrt aber den üblichen Ablauf um. Und es lässt sich strukturell absichern, statt es dem Bauchgefühl zu überlassen: durch ein bewusst breiteres Sourcing jenseits des eigenen Netzwerks, durch mehrere unabhängige Augen statt der konsensbequemen Gremienrunde, durch das Erfassen, wie oft die eigene Zielgruppe ein Gesicht zuletzt erlebt hat. Drei Begegnungen in kurzer Zeit sind ein Warnsignal, kein Komfort.

Genau das ist der Unterschied zwischen einer Datenbankabfrage und einer Kuration. Eine Datenbank liefert die bekanntesten Treffer – also denselben Reflex, nur schneller. Eine Kuration prüft gegen das, was dieser eine Abend wirklich braucht, und traut sich, auch eine unverbrauchte Stimme vorzuschlagen, wenn sie besser passt.

Wie dieser geprüfte Vorschlag konkret entsteht, beschreibt Was nach Ihrer Anfrage passiert →

Wahl statt Gewohnheit

Was am Ende zählt

Was wir aus 19 Jahren Praxis sagen können: Die unverbrauchte, präzise passende Stimme schlägt das bekannte Gesicht häufiger, als die Branche es sich eingesteht. Nicht immer – es gibt Anlässe, bei denen das vertraute Fernsehgesicht oder der gewohnte Eventmoderator genau richtig ist. Aber die Entscheidung dafür sollte eine Wahl sein, keine Gewohnheit. Die sichere Wahl optimiert dafür, dass niemand etwas falsch macht. Die richtige Wahl optimiert dafür, dass der Abend gelingt. Das ist nicht dasselbe – und dieser feine Unterschied entscheidet sich nicht erst im Scheinwerferlicht auf der Bühne, sondern genau in dem Moment, in dem Sie Ihre Buchungsentscheidung treffen.

Die Wahl der richtigen Moderation und die unterschiedlichen Zugänge beschreibt Was macht eine Moderatorenagentur →

Quellen: Mere-Exposure-Effekt – Zajonc (1968). Umgekehrte U-Kurve der Vertrautheit – Berlyne (1970). Defensive Entscheidung – Artinger, Artinger & Gigerenzer, „C.Y.A.", Business Research (2019). Anforderungsprofile und Bewerbungsverhalten – Coffman et al., Harvard Business School (2024)

Wenn Sie ein Event planen, bei dem die Besetzung wirklich zählt – sprechen Sie mit uns.

Wir schlagen Ihnen Moderator:innen vor, die zu Ihrem Anlass passen, nicht die, die uns zuerst einfallen. Schildern Sie uns Ihr Vorhaben, und wir antworten persönlich.